Neverwinter Test: Levelweltmeister mit leichter Rollenspielkost

Beim Namen Dungeons & Dragons klingelt es jedem Rollenspiel-Fan in den Ohren. So einige Entwickler haben es in der Vergangenheit sehr gut verstanden, das komplexe System, die Welt und Charaktere in eine lebendige Spielumgebung zu portieren. Wir denken mit Freuden zurück an Neverwinter Nights oder auch Dungeons and Dragons Online, das leider nie das große Publikum für sich begeistern konnte, das es eigentlich verdient hätte. Nun steht ein neuer Kandidat in den Startlöchern - und wieder klingt der klangvolle Name Neverwinter in unseren Ohren. Entwickelt vom routinierten Studio Cryptic (Champions Online, Star Trek Online, City of Heroes).

Leichte Anlaufschwierigkeiten schnell behoben

Wie hoch die Erwartungen und Hoffnungen der Spielergemeinde an Neverwinter sind, zeigte sich bereits zum Start der Open Beta. Anmeldeserver waren nicht erreichbar, die Systeme schienen hoffnungslos überlastet. Es stellte sich heraus, dass der Webserver des Launchers nicht ausreichte. Ziemlich schnell war der Flaschenhals geweitet und die Spieler fluteten die Spieleserver. Dank Instanzierung wird es allerdings nie zu voll in den Zonen, da die Spieler gleichmäßig verteilt werden. Wer mit einem Bekannten gemeinsam Abenteuer angehen möchte, kann natürlich jederzeit die Instanz wechseln. 

Unser Glaubenskleriker in voller Montur auf seinem Streitross

Am Anfang steht immer die Charaktergenerierung und wer die Spiele der Cryptic Studios kennt, der weiß, dass der Charaktereditor normalerweise zu den besten der Branche gehört. Mit Freuden denken wir zurück an das Superhelden-MMO Champions Online, das noch heute aufgrund seiner Fülle an Optionen als Referenz für exzellente Charaktereditoren zählen muss. Für Neverwinter wurde dieses Element allerdings ein wenig abgespeckt. Zwar stehen immer noch reichlich Optionen für die Proportionen des Alter Egos zur Verfügung, jedoch ist die Auswahl an Frisuren, Bärten oder Accessoires beschränkt.

Wir glauben an den Glaubenskleriker

Eine ordentliche Anzahl von sechs Rassen steht einer noch ausreichenden Anzahl von fünf Klassen gegenüber. Wir haben uns für einen exotischen Tiefling mit Teufelshörnern und rötlicher Hautfärbung entschieden. Es stehen aber auch klassische Menschen, Elfen, Zwerge und Halblinge zur Auswahl. Bei der Klasse fiel unsere Wahl auf den Glaubenskleriker, der nicht nur mit guten Heilfähigkeiten glänzt, sondern auch über exzellente Flächenzauber verfügt. Weitere Optionen wären der klassische Tank alias Beschützender Kämpfer, Damagedealer wie Zweihandkämpfer oder Trickserschurke gewesen. Natürlich gibt es auch Magier, die mit den Elementen vertraut sind. Weitere Klassen und Rassen sollen folgen, jedenfalls gibt es bereits eindeutige Hinweise beim Auswahlmenü.

Beim actionlastigen Kampfsystem haben sich die Entwickler an Spielen wie Guild Wars 2 oder Tera orientiert. Sprich wir müssen grob zielen, um die Monsterchen mit unseren Zaubern zu malträtieren. Dadurch spielt sich der Kleriker auch ein wenig anders, als man es aus anderen Genrevertretern gewohnt ist. Heilung wird eher indirekt durch Schaden gewirkt. Umso mehr “Aua” wir dem Gegner verpassen, desto mehr Erholung können wir unseren Mitstreitern spenden. Es gibt auch ein paar direkte Heilzauber, jedoch sind diese im richtig harten Gefecht alleine nicht ausreichend. Auf jeden Fall ein schöner Ansatz, der sich flüssig spielt und dem Kleriker mehr Präsenz im Kampf verleiht.

Hübsch hier, in Niewinter

Als wir das erste Mal das Städtchen Niewinter betraten, waren wir von der hübschen Architektur, den vielen Verzierungen und der detaillierten Grafik begeistert. Hier haben die Designer richtig gute Arbeit geleistet. Allerdings wurde der Eindruck relativ schnell getrübt, als wir einen Blick in die Weite schweifen ließen. Matschige Texturen und wenig Details waren nicht das, was wir erhofft hatten. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass die Zonen allgemein für ein MMO eher klein geraten sind. Mit einem Pferd sind wir innerhalb weniger Minuten von einem zum anderen Ende gelangt. Zudem reisen wir zu jedem neuen Gebiet per direktem Teleport. Dadurch entsteht nicht gerade das Gefühl einer großen Spielwelt. Stattdessen klicken wir einfach auf eine Tür und stehen im nächsten Moment in einem völlig anders aussehenden Gebiet. Entdecker werden in Neverwinter nicht auf ihre Kosten kommen.

Geschäftiges Treiben in Niewinter. Die Stadt ist hübsch und übersichtlich gestaltet.

Schaut man allerdings in die Weite, dann offenbaren sich die Schwächen der Grafikengine.

Einsteiger haben es in diesem Spiel nicht besonders schwer. Dank Tutorial wird man behutsam in die Spielmechanik eingeführt. Alle paar Level werden neue Fähigkeiten und Features freigeschaltet. Wer lieber als einsamer Wolf unterwegs ist, wird mit den Quests und Gegnern überhaupt keine Schwierigkeiten haben. Bis Level 40 kann der Schwierigkeitsgrad als sehr einfach bezeichnet werden. Und wenn man dann auch noch einen Freund mitnimmt, der schnetzelt sich durch die Gegner wie ein heißes Messer durch die zimmerwarme Butter. Erst ab besagter Stufe fängt es so langsam an härter zu werden. Zwar können die Monster immer noch nichts ab, dafür teilen sie jedoch härter aus. Bossmonster in Dungeons (eigentlich Gewölbe genannt) können für eine volle Gruppe nun auch eine echte Herausforderung darstellen. Wenn da nicht die leichte Einfallslosigkeit der Entwickler wäre. In der Regel besteht die Taktik der Bosse darin, einfach viele Lebenspunkte zu haben und in regelmäßigen Abständen Helfer zu rufen. Abwechslungsreich ist anders.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Leider geht es genauso öde beim Design der Quests weiter. Eigentlich ist es dort sogar noch schlimmer. Durch die Bank erleben wir ein- und dieselbe Grütze. Töte 10, bringe 20 davon, sammle 30 hiervon und dann tötest du zur Abwechslung 100 von jenen. In jeder Zone spielt sich dasselbe Dilemma ab. Es scheint als habe man bei der Erstellung der Inhalte auf so wenig Aufwand wie möglich geachtet. Hauptsache das Klientel hat etwas zu tun. Nein, liebe Entwickler, das ist uns eindeutig zu wenig und gibt herbe Punktabzüge in der A-Note! 

Wer schnell levelt - und das wird jeder zwangsläufig - hat ein weiteres Problem. Handwerk spielt sehr lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle, da wir fast nie in den Genuss kamen, für uns persönlich nützliche Gegenstände herzustellen. Im Vergleich mit der hohen Levelgeschwindigkeit zeigt sich das Handwerkssystem geradezu träge. Wer Star Wars: The Old Republic kennt, dem wird das System bekannt vorkommen, denn wir stehen nicht selbst am Amboss und lassen den Hammer tanzen, sondern schicken Arbeiter auf Missionen, um Rohstoffe, Gegenstände, Geld und Erfahrung zu sammeln. 18 Stunden dauert es, um einen Arbeiter anzuheuern. Die Dauer der Handwerksaufträge variiert zwischen 25 Minuten und 12 Stunden. Als unser Kleriker Level 50 war, dümpelte das Handwerkslevel gerade mal bei 8 herum. Das ließe sich natürlich beschleunigen, allerdings kostet das etwas.

Foundry, oder auch die Ideenschmiede

In der Foundry erstellt ihr eigene Abenteuer mit euren Quests, Texten und Ereignissen.

Wir wollen nicht nur meckern, denn Neverwinter hat auch eine sehr spannende Sache zu bieten und die nennt sich “Foundry”. Dahinter verbirgt sich ein Level- und Kampagneneditor für Spieler! Jeder ist mit diesem mächtigen Tool in der Lage, sich eigene, spannende Geschichten auszudenken, Dungeons zu gestalten und den professionellen Leveldesignern zu zeigen, wie es abseits der 08/15-Quests aussehen kann. In der Foundry gibt es unglaublich viele Möglichkeiten. So ziemlich alles kann selbst bestimmt werden. Setting, Aufbau, Geschichte, Texte, Gegner, Bosse und spezielle Ereignisse. Allerdings benötigt man einiges an Einarbeitungszeit, um richtig gute Ergebnisse auf die Beine zu stellen. Bereits jetzt finden sich in der Foundry Hunderte von Spielern kreierte Abenteuer. Dank Bewertungssystem wird zudem schnell ersichtlich, wer sich wirklich Mühe gegeben hat. Von einfachen Schlägereien in einer Kneipe über mächtig Action in einer Arena oder einer wahren Flut an Zombies in einer Kleinstadt reicht das Repertoire und wir haben dabei erst an der Oberfläche gekratzt.

Eine der wichtigsten Fragen in so ziemlich jedem aktuellen MMORPGs ist, wie es mit der Langzeitmotivation aussieht. Was passiert, wenn der eigene Charakter das Maximallevel 60 erreicht hat? Nun, PvP ist im Moment leider keine wirkliche Option. Lediglich ein Spielmodus (Domination) für 5 gegen 5 Spieler ist verfügbar, in dem zwei Teams um die Kontrolle von Punkten konkurrieren. Zudem bestehen ziemliche Probleme mit der Balance der Klassen. Trickserschurken sind aufgrund ihres absurd hohen Schadens die Könige des PvP. Beschützende Kämpfer schubsen einen ständig um und taktische Magier halten einen ewig im Würgegriff. Als Glaubenskleriker hat man wirklich wenig zu lachen.

Das Design der Monster ist gelungen. Hier bestreiten wir mit unserer Gruppe gerade ein sogenanntes Gefecht.

Zauberwort: Endgame

Was bleibt also? Raids mit größeren Gruppen gibt es nicht. Mit Level 60 werden über ein Dutzend Dungeons zugängig für bis zu fünf Spieler. Zusätzlich können alle Gewölbe der vorangegangen Levelregionen im harten Spielmodus angegangen werden. Aber kann das auf lange Sicht wirklich ausreichen? Immerhin sind die Entwickler sehr aktiv. Mehrmals in der Woche werden Updates eingespielt. Wir sind also guter Dinge, dass neben dem unendlichen Quell der Foundry auch weitere Inhalte der Entwickler folgen werden. Zum Schluss möchten wir als wichtiges Thema den Premium Shop anschauen. Mit der Währung ZEN können wir zum Beispiel, Rucksäcke, Bankfächer, unterschiedliche Reittiere (Pferde, Worge, Spinnen) und Gefährten (Elementare, Wölfe, Akolyten) erwerben. Allerdings bekommt man die in einer schwächeren Version auch für umsonst. Booster gibt es so gut wie keine. Wozu auch, das Leveln geht eh schon so schnell. Nur eine Sache ist uns übel aufgestoßen. Und zwar gibt es einen Trank, der alle Gruppenmitglieder, die sich in Reichweite befinden, wiederbelebt. Anders als mit dem Premiumgegenstand ist das nicht möglich! Im Großen und Ganzen sind die Preise zwar gesalzen, aber von Pay to Win ist Nevewinter zum Glück weit entfernt.

Pro
actionreiches Kampfsystem
gute Grafik mit netten Effekten
teilweise deutsche Sprachausgabe, gute Lokalisierung
detailliert gestaltete Gebiete mit abwechslungsreichen Settings
jede Klasse spielt sich unterschiedlich und füllt eine Rolle aus
faires Free-to-Play-System bis auf eine Ausnahme
tägliche Quests für Gewölbe, Gefechte und PvP
nützliche Begleiter (Pets als Tank, Heiler oder DD)
hübsches Monsterdesign
Gruppenfinder für Gefechte, Gewölbe und PvP
umfangreicher Editor für eigene Abenteuer (Foundry)
Contra
hohe Weitsicht wird nur mit matschigen Texturen erreicht
Levelgeschwindigkeit zu hoch ...
… so dass Handwerker kaum hinterher kommen
fast ausnahmslos 08/15-Quests
Dungeons und Bosse werden erst ab Level 40 halbwegs anspruchsvoll
nur ein Spielmodus für 5vs5 im PvP
keine zusammen hängende Spielwelt, nur einzelne, schlauchartige Zonen
keine Raids
Begleitern können keine Befehle gegeben werden
Gruppenwiederbelebung nur für Premiumkunden erhältlich
Regelwerk von Dungeons & Dragons kaum spürbar

4/5 Sterne

FAZIT

Neverwinter hinterlässt in der aktuellen Open Beta einen soliden bis guten Eindruck. Das Kampfsystem macht richtig Laune und sorgt für ordentliches Effektgewitter auf dem Bildschirm. Wer sich durch Monster schnetzeln möchte ohne viel Anspruch, ist hier bestens aufgehoben. Extremes Grinding entfällt durch die übertrieben hohe Levelgeschwindigkeit. Zum Leidwesen der Handwerker, die eh schon zur Passivität verdammt sind und nur alle paar Stunden ihre Arbeiter auf Mission schicken können. PvP-Fans werden ebenfalls mit der Nase rümpfen, da der einzige Spielmodus und das fehlende Balancing bei einigen eher zu Frust als zu Langzeitmotivation führen wird. Als strahlender Lichtblick bleibt die Foundry als Pool der Kreativität, der allerdings ausschließlich durch die Community gefüllt wird. Ob dieses Feature alleine für langfristigen Spielspaß sorgen kann, wird sich zeigen. Wir sind guter Hoffnung, dass Cryptic die Zeit nutzen wird, um Neverwinter ständig zu erweitern und zu verbessern.

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